Bürgerverein Berolina
Bürgerverein
Berolina e.V. Senioren erzählen und schreiben
Erinnerungen an Wendezeiten im Leben reflektieren über
Weichenstellungen und Verführungen Ein Beitrag zum Dialog Ost-West und
Jung-Alt Herausgeber des „Wortspiegel“
- Zeitschrift für Schreibgruppen und Schreibinteressierte
Anschrift: Mollstraße 11,
10178 Berlin Vorsitzende: Dr. Margrit Pawloff Telefon: 242 52 15
E-Mail: mpawloff@freenet.de
Was ist und was will der Bürgerverein
Berolina e.V. ? Heute als gemeinnützig anerkannt,
wurde im Herbst 1990 der Bürgerverein Berolina e.V. von
Vertretern der älteren Generation in Berlin-Mitte als
parteienunabhängige Vereinigung gegründet. Sie wollten sich
und anderen helfen, das viele Neue zu bewältigen, das mit der
Wende 1989 und der werdenden Einheit Deutschlands auf sie eingestürzt
war. War für viele Menschen doch eine Welt zusammengebrochen.
Nach Weimar, Faschismus,
hoffnungsvollem Neuanfang 1945 und nach 40 Jahren DDR gingen sie zum
vierten Mal in eine neue Gesellschaftsordnung. Da galt es das eigene
Leben zu durchdenken, sich sowohl kritisch mit der Vergangenheit
auseinanderzusetzen als auch sich gegen Klischees, ungerechtfertigte
Abwertung des eigenen Lebens und mannigfaltige Vorurteile zur Wehr zu
setzen.
Skepsis, Ablehnung, neue Hoffnung,
Bereitschaft zum neuen Handeln, aber auch Furcht vor neuen
Enttäuschungen bestimmte den Alltag in dieser Übergangszeit.
Neue Wege waren zu finden und zu erproben.
Für Vorstand und Mitglieder des
Vereins bedeutete das, sich mit der Arbeit von Vereinen und
Initiativen im Westteil der Stadt vertraut zu machen, um Erfahrungen
für das eigene Beginnen zu sammeln. Im Ergebnis dieser
Überlegungen und der neuen Erfahrungen rief der Verein im
Frühjahr 1991 das Projekt „Erinnerungen in Wendezeiten“ ins
Leben. Dieses Projekt ist auch heute noch für die Schwerpunkte
der Vereinsarbeit bestimmend.
Ziele für gestern und heute
Erinnerungen in Wendezeiten, das heißt: Wir lassen in individuellen Gesprächen,
Gruppendiskussionen und öffentlichen Gesprächsveranstaltungen
Männer und Frauen aus den eigenen Erlebnissen und Erfahrungen
erzählen. Zeit- und Alltagsgeschichte sollen lebendig werden.
Erzählen und sich aussprechen soll helfen, das eigene Leben mit
seinen Wendezeiten, seinen Weichenstellungen und Verführungen zu
überdenken und mit den Erlebnissen und Erfahrungen anderer zu
vergleichen. Grundbedingung für erfolgreiche Arbeit war und ist
auch heute die Absage an Vorurteile und Rechthaberei und vor allem
Toleranz und die Fähigkeit zuzuhören.
Wir fördern die Verständigung
zwischen Ost und West. Bürger der früheren DDR und der
alten Bundesrepublik erzählen sich aus dem eigenen Alltagsleben
und machen seine prägenden Bedingungen deutlich. Dadurch sollte
auch besser verständlich werden, warum man sich wann, wofür
oder wogegen entschieden hat, wie das eigene Leben verlaufen ist und
wie man heute dazu steht. Solch offene Gespräche über die
Vergangenheit sind auch Voraussetzung, den Blick für die heute
gemeinsam zu lösende Aufgaben zu schärfen.
Wir suchen das Gespräch mit jungen
Menschen. Jeder Tag lehrt: Erfahrungen der Älteren sind für
die Jüngeren zum Nachdenken notwendig und nützlich. Und
gleichzeitig wird man als Älterer selbst besser erkennen, was
junge Menschen heute bewegt.
Wie realisiert der Verein diese Ziele?
In den ersten Jahren war das Schwergewicht unserer Arbeit das
große Thema: „Alltagsgeschichte - Erinnerungen und
Erfahrungen aus Jahrzehnten“. Dabei gelang es immer besser, auch
Bürger aus dem Westteil der Stadt für die Teilnahme zu
interessieren, eine Bereicherung, die heute für alle Seiten
nützlich ist. So ist es kein Zufall, daß die Arbeit des
Vereins heute fast zu gleichen Teilen von Bürgern aus den
östlichen wie den westlichen Stadtbezirken getragen wird.
Neue Schlußfolgerungen nach zwei
Jahren 1. Es genügt nicht mehr, die Gespräche nur auf
die Vergangenheit zu konzentrieren. Vielmehr sind sie stärker
unter das Motto zu stellen: „Was nutzen meine Erfahrungen heute?“
Damit rückten praktisch Fragen der Festigung der Demokratie, der
Friedenspolitik, der europäischen Einheit und der notwendigen
Reformen in Deutschland in den Mittelpunkt.
2. Wir wollen durch eigene Aktivitäten
und in Kooperation mit anderen Vereinen und Initiativen vielfältige
Möglichkeiten für kreative Tätigkeiten besonders auf
dem Gebiet des Schreibens und des Theaterspielens anbieten.
Inzwischen entwickelte sich eine eigene Schreibwerkstatt und in
Zusammenarbeit mit dem Theater der Erfahrungen (Berlin-Schöneberg)
die Theaterqruppe „Ostschwung“.
Was steht heute im Vordergrund und
welche Möglichkeiten der Mitarbeit gibt es? 1. Jährlich
wendet sich der Verein mit Schreibaufrufen an interessierte Berliner
(seit 1998 auch an Bürger in anderen Bundesländern). Er
fordert sie auf, Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken und Gefühle
zu Themen zu schreiben, die für das Leben aller und für die
gesellschaftliche Entwicklung wichtig sind. Solche Themen waren
zunächst „Fünfzig nach Null“ (zum 50. Jahrestag des
Kriegsendes), dann aber auch „Großeltern und Enkel im Dialog
- gemeinsam auf dem Weg ins nächste Jahrtausend“ oder
„Lebensabschnitte: Weichenstellungen, Verführungen“. 1998 ging es schließlich
bundesweit um die „Zwillinge des Kalten Krieges - Bürger aus
Ost und West erzählen Erlebnisse und Erfahrungen aus den 50er
Jahren“. ,,Alte Hüte - neue Kappen? - über den Wert
der Werte in Umbruchzeiten“ steht 1999 als Thema im Mittelpunkt.
Viele beteiligen sich an diesen Schreibaufrufen und die Auswertung
erfolgt in öffentlichen Lesungen mit anschließendem
Gespräch sowie durch die Veröffentlichung aller Beiträge
in Broschüren oder im „Wortspiegel“.
2. Der Bürgerverein fördert
auch weiterhin die Arbeit des „Ostschwung“. Das neueste Stück,
„Marx meets Madonna“ ist eine Gemeinschaftsproduktion mit dem
Kurs Darstellendes Spiel der „Bettina-von-Arnim-Oberschule“ in
Berlin-Reinickendorf. Es half und hilft, Verständnis zwischen
jung und alt zu fördern. Außerdem ist es ein Vergnügen,
das Stück zu sehen, in dem die Akteure zwei Generationen
verkörpern.
3. Die Schreibwerkstatt des
Bürgervereins trifft sich seit nunmehr fünf Jahren alle 14
Tage. Betreut von einer erfahrenen Poesiepädagogin entstehen im
kreativen Schreiben in der Gruppe Texte. Sie werden ebenso wie
mitgebrachte Texte besprochen und sind oft Anlaß zu guten
Gesprächen, die von den unterschiedlichen Erfahrungen der aus
Ost wie aus West kommenden Teilnehmern bereichert werden. In einem
Kurs „Kreative Literaturgeschichte“ versuchen die Teilnehmer in
die Arbeits- und Schreibweise von Autoren verschiedener
Literaturepochen einzudringen und durch entsprechende Schreibübungen
die eigene Ausdrucks- und Schreibfähigkeit zu erweitern. Es
besteht eine enge Zusammenarbeit mit anderen Berliner Schreibgruppen,
man trifft sich zu gemeinsamen Lesungen und zum Erfahrungsaustausch.
4. Um nicht nur in Berlin, sondern
überhaupt in Deutschland die Schreibbewegung zu fördern und
gestützt auf vielfältige Kooperationsbeziehungen, gibt der
Bürgerverein Berolina seit 1997 den „Wortspiegel“ -
Zeitschrift für Schreibgruppen und Schreibinteressierte heraus.
In ihr werden Texte der verschiedensten Genres von alten und jungen
Menschen aus Berlin und den anderen Bundesländern
veröffentlicht, es werden Erfahrungen aus der Schreibbewegung
vermittelt, Tips zum Schreiben gegeben, Bücher besprochen und
Informationen veröffentlicht. Der „Wortspiegel“ ist von
Hamburg bis München, von Köln bis Rostock in fast allen
Bundesländern verbreitet. Er kann abonniert werden. Neue Autoren und auch redaktionelle
Mitarbeiter sind immer willkommen.
Hervorzuheben ist, daß die
gesamte Arbeit des Vereins und auch der Redaktion „Wortspiegel“
völlig ehrenamtlich geleistet wird.
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